Der Adler & der Bär
Was Sie schon immer einmal über
wissen wollten
Diesmal geht es eigentlich nur um eine Regional-Express-Linie, die Berlin mit dem Brandenburger Norden verbindet. Doch da es so einige interessante Dinge über diese Linie zu berichten gibt, soll ihr an dieser Stelle eine eigene Ausgabe von "Der Adler & der Bär" gewidmet werden. Titel des Ganzen: "Was Sie schon immer einmal über RE6 wissen wollten".
Eine Linie voller Missverständnisse
Unter dem Begriff "Regional-Express" stellt man sich einen Zug mit Doppelstockwagen oder mehreren einzelnen Wagen mit Lok vor, der in Windeseile Städte direkt miteinander verbindet. Das ist beim RE6 etwas anders. Sicher hält er auf seinem Fahrtweg von Berlin nach Wittenberge nicht auf jedem Bahnhof unterwegs, und langsam ist er auch nicht durchweg. Doch ziert sich der RE6 mit einem (oder auch teils zwei) Dieseltriebwagen der Baureihe 646 mit nur etwa 110 Sitzplätzen pro Triebwagen.
Linienverlauf des RE6
Der RE6 fährt von Berlin-Spandau bis zum Abzweig hinter Falkensee auf der "Hamburger Bahn", einer kürzlich auf 230 km/h ausgebauten Hauptstrecke. Danach geht es auf den Berliner Außenring mit einer Stichfahrt nach Hennigsdorf, dann beginnt der eigentlich spannende Teil der "Prignitz-Express" genannten Bahnlinie: Auf 139 km geht es fast ausnahmslos über eine eingleisige, nicht elektrifizierte Strecke mit nur wenigen Ausweichpunkten vorbei an kleinen Städten und viel idyllischer Natur über Neuruppin und Wittstock nach Wittenberge. Siehe dazu den systematischen Streckenverlauf im Bild rechts.
Mal vor, mal zurück
Wer sich in Berlin einen Platz in Fahrtrichtung gesucht hat, wird bereits ab Hennigsdorf merken, dass die Freude nach dem Platz in Reiserichtung nicht von langer Dauer war. Denn hier wird "Kopf gemacht". Hennigsdorf ist für den RE6 ein Sackbahnhof. Nachdem der Triebfahrzeugführer den Führerstand gewechselt hat, geht es weiter nach Neuruppin.
Schleichende Nebenbahn?
Von wegen! Die Strecke des "Prignitz-Express" wurde seit Mitte der 1990er Jahre zwischen Hennigsdorf und Wittenberge nahezu lückenlos modernisiert. Der letzte sanierte Abschnitt zwischen Wittenberge und Wittstock ging jüngst am 28. Februar 2008 in Betrieb. Nun können die roten Triebwagen zeigen, was sie drauf haben: Mit Geschwindigkeiten bis zu 120 km/h rasen sie durch die Prignitz und das Ruppiner Land.
Ein paar Fahrzeitvergleiche:- Wittenberge - Pritzwalk, 35 km: 48 Minuten (Fahrplan 1999) | 35 Minuten (Fahrplan 2008)
- Pritzwalk - Wittstock, 20 km: 24 Minuten (Fahrplan 1999) | 17 Minuten (Fahrplan 2008)
- Wittstock - Neuruppin West, 38 km: 47 Minuten (Fahrplan 1999) | 21 bis 26 Minuten (Fahrplan 2008)
- Neuruppin West - Hennigsdorf, 87 Minuten (Fahrplan 1992*) | 35 bis 39 Minuten (Fahrplan 2008)
* = vor der Sanierung, diese begann dort im Jahr 1994
Saniert wurde - wie bereits berichtet - in mehreren Zeit- und Strecken-Abschnitten. Und zwar:
- Hennigsdorf - Velten (Mark): unsaniert
- Velten (Mark) - Kremmen: Dezember 1995 bis Mai 1998
- Kremmen - Neuruppin: Dezember 1995 bis Mai 2000
- Neuruppin - Wittstock: Juni 2003 bis März 2005
- Wittstock - Wittenberge: 2006 bis Februar 2008
Rasant durch die Prärie
Aber nun ist auch diese Unkorrektheit aus dem Weg geschafft, und man hat bei der heutigen Geschwindigkeit teilweise Mühe, die interessanten Facetten der Natur entlang der Strecke zu erkennen. Plötzlich ins Blickfeld geratene Rehe oder Greifvögel sind nach wenigen Sekunden wieder verschwunden, der Zug eilt auf den nächsten Bahnhof zu - und der ist nun nicht mehr so nah wie einst vor der Einkehr der "modernen Bahn", siehe dazu den nächsten Absatz.
Die Opfer des RE6
So schön die hohen Geschwindigkeiten auf dem RE6 auch sind - für einige Fahrgäste an der Strecke ist in den letzten Jahren der Bahnanschluss verloren gegangen, da der örtliche Bahnhof geschlossen wurde - oftmals nach der Streckenmodernisierung.
Nachdem zwischen Velten und Neuruppin die eingleisige Strecke ohne Zugbegegnungsmöglichkeit ("Zugkreuzung") auskommen sollte, mussten die Stationen Wall, Karwe und Gnewikow im Jahr 1995 geschlossen werden, damit die Fahrzeit so gedrückt werden kann, dass sich die Züge in Velten und Neuruppin Rheinsberger Tor "kreuzen" können. Auf dem um 2004 sanierten Stück Wittstock - Neuruppin musste (aus gleichem Grund?) der Halt in Rossow gestrichen werden. Aber auch auf dem bis vor kurzem unsanierten Reststück zwischen Wittstock und Wittenberge gingen 1995 auf den Bahnhöfen Beveringen, Alt Krüssow, Rohlsdorf und Rosenhagen die Lichter aus. Die Erreichbarkeit dieser Orte mit Bussen ist recht eingeschränkt, vor allem am Wochenende. Da muss man wohl das Rad mitnehmen und dann in die Pedale treten, denn die genannten Orte besitzen beispielsweise einige Reiterhöfe und Ausflugslokale.
"Stadtlich"!
Einige Städte gibt es auf dem RE6 zu entdecken. Die Stadt Wittenberge an der Elbe überzeugt nicht durch Sehenswürdigkeiten, sondern in erster Linie durch viele liebevoll erhaltenen Wohnhäuser, die an vergangene reiche Zeiten dieser Stadt erinnern. Heute ist Wittenberge vor allem Bahnreisenden als großer Umsteigebahnhof mit Fernzuganschluss (u.a. Sylt - Hamburg - Berlin - Dresden) bekannt.
Perleberg ist ein nettes Städtchen mit vielen ansehnlichen Häusern und Kirchen. Trotz zunehmenden Leerstands bei Wohnhäusern und Geschäften ist das Stadtbild noch recht gut erhalten. Ähnlich geht es auch Pritzwalk. Wittstock war auch einstiger Eisenbahnknoten. Bis 1995 gab es Eisenbahnverkehr an die Mecklenburgische Seenplatte nach Mirow und Neustrelitz. Der einst täglich alle 2 Stunden fahrende "Ersatzbus" 747 nach Mirow fährt seit einiger Zeit nur noch montags bis freitags, nur noch wenige Male am Tag und in den Wintermonaten nur noch bis zur brandenburgisch-mecklenburgischen Landesgrenze. Wittstock ist trotzdem eine Reise wert (es gibt ja den RE6 als Anreisemöglichkeit), viele alte Fachwerkbauten und eine Stadtmauer laden zur Erkundung ein.
Und dann ist noch die schöne Fontanestadt Neuruppin auf der Liste der RE6-Streckenerkundungstour. Auch hierfür sollte man sich mindestens zwei Stunden Zeit nehmen, um vom Bahnhof Rheinsberger Tor (Tourist-Info im Bahnhof) die Stadt aus zu erkunden. Hier hat sich im Stadtbild in den letzten Jahren sehr viel Gutes getan.
Viel über das Leben in einem Kloster erfährt man, wenn man den RE6 in Heiligengrabe verlässt und etwa 2 km bis in den Ort wandert. Hier befindet sich eine der best erhaltenen Klosteranlagen der Mark, das Kloster Stift zum Heiligengrabe.
Mehr Infos?
Der RE6 fährt ausschließlich im VBB-Tarifgebiet. Fahrplan- und Preisinformationen gibt es unter .: www.vbbonline.de unter dem Menüpunkt "Fahrinfo". Bei den erzeugten Verbindungen kann man mit Klick auf den Button "Karte" vor den Stationsnamen auch einen Stadtplan sehen, mit dessen Hilfe man sich vorab über die Städte und Entfernungen informieren kann.
Neben dem VBB-Tarif kann auch das "Brandenburg-Berlin-Ticket" genutzt werden, auch in den Regional- und Stadtbussen.
Infos zu den Städten bekommt man auf .: www.meinestadt.de sehr gut. Hier sind auch schon einige Bilder der Städte abrufbar sowie weiterführende Informationen, wie Stadtpläne, Telefonnummern etc.
.: zum Fahrplan des RE6 (Link auf die Website der Deutschen Bahn AG)
Fotos rund um die Strecke und dortigen Sehenswürdigkeiten:
- .: Wittenberge
- .: Perleberg
- .: Pritzwalk
- .: Heiligengrabe
- .: Wittstock (folgt)
- .: Neuruppin
- .: Kremmen
- .: Bahnhofs- und Gleisanlagen (folgt)
Viel Spaß beim Entdecken!
